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Oskar SCHLEMMER          Maler+Bildhauer
deutsch * 4.IX. 1888_ 13.IV. 1943  

 Baden Baden-Berlin          Bauhaus  Berlin

 

Oskar Schlemmer
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
 

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Oskar Schlemmer (* 4. September 1888 in Stuttgart; † 13. April 1943 in Baden-Baden) war ein deutscher Maler, Bildhauer und Bühnenbildner. Schlemmer thematisiert in seinen Werken vornehmlich die Stellung der menschlichen Figur im Raum. In seiner Hauptschaffensperiode (1920–1932) entstehen zahlreiche Gemälde stereometrischer Figuren sowie ineinander greifender Figurengruppen, in deren geometrisch-choreographischer Ausgestaltung universelle Harmonisierungsbestrebungen anklingen.

Inhaltsverzeichnis
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1Leben
1.11888–1919
1.21920–1932
1.31933–1943
2Werk
2.11906–1919
2.21920–1932
2.31933–1943
2.4Nachbetrachtu ng
3Nachlassstreit
4Museen und Sammlungen
5Literatur
6Einzelnachweise
7Weblinks
 


 

Leben[Bearbeiten]
 

1888–1919[Bearbeiten]
Als jüngstes von sechs Geschwistern wird Oskar Schlemmer am 4. September 1888 in Stuttgart geboren. 1899 siedelt er in das schwäbischeGöppingen über, wo er zunächst die Realschule besucht. Nach dem Tod seines Vaters, des Kaufmanns und Komödiendichter Carl Leopold Schlemmer, verlässt er die Schule aber bereits 1903 aus finanziellen Gründen. Noch im gleichen Jahr zieht der inzwischen Fünfzehnjährige nach Stuttgart, wo er eine Ausbildung als kunstgewerblicher Zeichner in der führenden Intarsienwerkstatt Wälfel & Kiessling beginnt. Ab 1904 besucht er nebenher eine Fortbildungsschule, an der Figurenzeichnen und Stillehre unterrichtet wird.

Nach Abschluss der Lehre schreibt sich Schlemmer an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule ein, die er jedoch nur unregelmäßig besucht und nach einem Semester wieder verlässt. Im Herbst 1906 wird er in die Stuttgarter Akademie für Bildende Künste aufgenommen. Dort macht Schlemmer Bekanntschaft mit Willi Baumeister und Otto Meyer-Amden. Mit letzterem wird Oskar Schlemmer eine lebenslange Freundschaft verbinden. 1909 tritt Schlemmer in die Kompositionsschule von Friedrich von Keller über und damit in die Meisterklasse ein. Zwei Jahre später verschlägt es den Maler nach Berlin, wo er zunächst versucht selbständig weiterzuarbeiten. In diesem Jahr seines Berlinaufenthaltes lernt er sowohl die Formenanalyse des Kubismus’ als auch die französische Avantgarde kennen. Ebenso schließt er erste Kontakte zum so genannten Sturm-Kreis um Herwarth Walden.

1913 kehrt Schlemmer nach Stuttgart zurück und wird Meisterschüler bei Adolf Hülzel. In dieser Zeit lernt er das Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hützel kennen. Mit ihnen findet er Begeisterung am Bühnenwerk; erste Skizzen für sein später berühmtes Triadisches Ballett entstehen bereits hier.

Der Versuch, gemeinsam mit seinem Bruder 1913 einen Kunstsalon am Neckartor zu eröffnen, der als Ausstellungsfläche avantgardistischer Kunst dienen soll, scheitert nicht zuletzt an einem verheerenden Presseecho. Nach wenigen Monaten muss die Galerie wieder schließen. 1914 erhält er zusammen mit Willi Baumeister und Hermann Stenner den Auftrag, zwölf Wandbilder für die Haupthalle der Deutschen Werkbundausstellung in Köln auszuführen. In diesem Zusammenhang wird der spätere Bauhausgründer Walter Gropius erstmals auf Schlemmer aufmerksam.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet sich Schlemmer freiwillig zum Dienst. Er wird zunächst an der Westfront, später an der Ostfront in Russland eingesetzt. Verletzung und anschließende Rekonvaleszenz ermöglichen ihm jedoch die Fortsetzung seiner Malerei. 1918 stellt er gemeinsam mit Willi Baumeister Arbeiten im Stuttgarter Kunsthaus Schaller vor. Eine weitere Gemeinschaftssaustellung folgt zwei Jahre später in der Galerie Der Sturm in Berlin. Bereits 1919 hatte sich Schlemmer gemeinsam mit Baumeister und anderen Kunstschaffenden zur Üecht-Gruppe zusammengeschlossen, einer Künstlervereinigung, die sich - allerdings erfolglos - für eine umfassende Reform des Kunstunterrichts einsetzte und für die Berufung von Paul Klee nach Stuttgart eintrat.

 

1920–1932[Bearbeiten]
Im Herbst 1920 heiratet Schlemmer Helena Tutein. Die Ehe bringt drei Kinder hervor. Noch im selben Jahr wird er von Walter Gropius an das Bauhaus in Weimar berufen. Dort wird ihm die Leitung der Werkstatt für Wandbildmalerei übertragen; später die für Holz- und Steinbildhauerei.

Im Folgejahr gestaltet Schlemmer Bühnenbilder und Kostüme für Operneinakter von Franz Blei und Oskar Kokoschka, zu denen Paul Hindemith die Musik komponiert. Im September 1922 wird sein Triadisches Ballett in Stuttgart uraufgeführt; ein dreigliedriger Tanz, dessen Tanzfolgen sich vom Scherzhaften zum Ernsthaften entwickeln. So genannte Figurinen, von Schlemmer entwickelte Kostümkörper, zielen dabei auf eine erste Demonstration raumplastischer Kostüme. Oskar Schlemmer übernimmt 1923 die Ausführung für die Wandgestaltung im Weimarer Werkstattgebäude.

1925 übersiedelt das Bauhaus nach Dessau, wo Schlemmer nun auch die Bauhausbühne als eigenständige Abteilung leitet. Er verfasst den grundlegenden Artikel Mensch und Kunstfigur, in welchem er den Anspruch allgemeingültiger Typisierung mittels Maskierung und Kostümierung formuliert. In seinen Dessauer Jahren entstehen auch seine zukunftsweisenden Bauhaustänze.

Eine Neuauflage des Triadischen Balletts mit Orgelmusik von Hindemith erfolgt ab 1926 in mehreren deutschen Städten. Die Aufführungen machen Schlemmer international bekannt. Es folgen Einladungen zu Ballettaufführungen in Paris und New York.

Ab April 1928 übernimmt er umfangreiche Lehrverpflichtungen am Bauhaus. Neben Zeichenunterricht und Bühnetheorie etabliert Schlemmer das Unterrichtsfach Der Mensch, das sich an zeichnerisch-formalen, biologischen und philosophischen Inhalten versucht.

Im Sommer 1929 verlässt Schlemmer das Bauhaus und wird im Juni von Oskar Moll an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau berufen, wo er bis zur Schließung 1932 unterrichtet. Er wird mit der Leitung einer Bühnenkunstklasse beauftragt und entwickelt das Lehrgebiet Mensch und Raum. Fast ein Jahr zuvor hatte er einen Auftrag zur Wandgestaltung des Brunnenraumes im Museum Folkwang in Essen angenommen. An seiner endgültigen Fertigstellung arbeitet er bis 1930.

Zu Beginn seiner Breslauer Zeit übernimmt Oskar Schlemmer die Bühnengestaltung für zwei Kurzopern von Igor Strawinsky. Das musikalische Drama Die glückliche Hand von Arnold Schönberg wird schließlich die letzte Szenengestaltung Schlemmers, die zur Aufführung gebracht wird.

Schlemmer steht nun auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Bei Ausstellungen in Basel, Köln und Darmstadt erfährt er Anerkennung und erhält Auszeichnungen. Er ist bei der XVII. Biennale Venedig vertreten, zeigt Bilder in München und Essen und nimmt an Gruppenausstellungen zeitgenässischer Kunst in Belgrad, Zagreb, New York und Brüssel teil. Die Berliner Galerie Flechtheim veranstaltet Anfang 1931 schließlich eine Einzelausstellung, die später nach Krefeld und Züürich wandert.

Die politische Radikalisierung durch die NSDAP fährt zunehmend zu Diffamierungen moderner Kunst und Künstler. Bereits 1930 war Schlemmers Wandgestaltung für das Weimarer Werkstattgebäude auf Anordnung des thüringischen Staatsministers für Inneres und Volksbildung Wilhelm Frick übermalt worden.

Ende März 1932 stellt die Breslauer Akademie durch Notverordnung ihren Lehrbetrieb weitgehend ein. Wenige Monate später siedelt Schlemmer nach Berlin über, wo er einen Lehrauftrag an den Vereinigten Staatsschulen für Kunst und Kunstgewerbe annehmen kann. Oskar Schlemmers bekanntestes Gemälde entsteht, Bauhaustreppe (Museum of Modern Art, New York).

 

1933€“1943[Bearbeiten]
Die Machtergreifung Adolf Hitlers zu Beginn des Jahres 1933 läutet Schlemmers letztes Lebensjahrzehnt ein; für ihn eine Zeitspanne geistig-existentieller Verdüsterung. Zum gesellschaftlichen Unglück tritt das private: Otto Meyer-Amden, Schlemmers bester Freund und geistiger Partner, stirbt.

Nach und nach wird Schlemmer nun aus der öffentlichen Kunstszene ausgeschaltet. Im März wird seine erste große Retrospektive in Stuttgart noch vor der Eröffnung von den Nationalsozialisten geschlossen. Die Nazi-Presse bezeichnet Schlemmer als Kunstbolschewisten. Im Mai erfolgt seine fristlose Kündigung an den Berliner Vereinigten Kunstschulen. 1934 fallen seine Wandbilder für das Essener Museum Folkwang dem Bildersturm der Nationalsozialisten zum Opfer. Schlemmer lässt sich mit seiner Familie in Eichberg nieder und zieht sich aus dem offiziellen Kunstbetrieb zurück.

Ab dem 19. Juli 1937, einen Tag nach Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München durch Adolf Hitler, wird im Galeriebau am benachbarten Hofgarten die Schmähausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, bei der Schlemmer mit fünf Gemälden vertreten ist. Wenige Wochen später taucht eines seiner Bilder in der Berliner Propagandaschau Bolschewismus ohne Maske auf. Eine kleine Erbschaft ermöglicht Schlemmer im Herbst den Umzug in ein eigenes Haus nach Sehringen bei Badenweiler, wo er jedoch bald in finanzielle Bedrüngnis und existentielle Nöte gerät. Er entschließt sich 1938, eine Anstellung beim Stuttgarter Malerbetrieb Albrecht Kümmerer anzunehmen, die ihm durch Vermittlung Baumeisters angeboten wurde. Zu den für einen Künstler unbefriedigenden Arbeiten dieser Zeit gehören verschiedene Ausmalungen an Bauten sowie Tarnanstriche für Militärflughäfen und Industrieanlagen.

Im Herbst 1940 siedelt Oskar Schlemmer nach Wuppertal über, wo er in der Firma des Lackfabrikanten Dr. Kurt Herberts die känstlerische Verwendung von Lackfarben erproben soll. Der Unternehmer bietet auch einer Reihe anderer Künstler Arbeitsmöglichkeiten, unter ihnen Carl Grossberg, Georg Muche und Willi Baumeister. Offiziell werden sie als Professoren für Maltechnik geführt. Bei Herberts wirkt Schlemmer an einer Publikationsreihe mit, die unterschiedliche maltechnische Ergebnisse zusammenfasst. Es entsteht der Plan zu einem Lackkabinett, Wand- und Deckenbetafelungen, die sich zu einem Gesamtkunstwerk verbinden sollen. Das Projekt wird aus Kostengründen nicht realisiert. Stattdessen beginnt Schlemmer 1942 mit den Wuppertaler Fensterbildern seine finale Werkgruppe.

Die fremdbestimmte Lebenszeit durch Auftragsarbeiten sowie die Ermangelung, eigenes Kunstschaffen vorantreiben zu können, lösen bei ihm in jener Zeit jedoch seelische und körperliche Erschütterungen aus, die in einen chronischen Schwächezustand münden. Nach diagnostizierter Gelbsucht und akuter Diabetes sowie einem Koma-Anfall folgen Aufenthalte in Krankenhäusern in Stuttgart und Freiburg im Breisgau. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechtert sich in den Folgemonaten. Im April 1943 begibt er sich in ein Sanatorium in Baden-Baden, wo er bereits nach wenigen Tagen Aufenthalt einer Herzlähmung erliegt. Er wird auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch beigesetzt.

 

Werk[Bearbeiten]
 

1906–1919[Bearbeiten]
Bereits in einer frühen Phase deutet Schlemmer sein Interesse für Puppen- und Maskenhaftes an (Stillleben mit drei Kasperpuppen, 1906). Die Figur im Raum wird sein großes Gleichnis sein. Schlemmers Akademiejahre sind jedoch noch durch einen Plural von Formen und Stilistiken gekennzeichnet, die zunächst unvermittelt nebeneinander stehen. Es entstehen ölbilder in pastoser Malweise, Ansätze schwäbischer Freilichtmalerei und Bekundungen französischer Peinture (Halbakt im Interieur, 1909). Während in Jagdschloss im Grönwald (1911) die Auseinandersetzung mit dem frühen Kubismus anklingt und das Verhältnis von Raumdimensionen zu Flächendimensionen erprobt wird.

Ab 1912 tendiert Schlemmer in figürlichen Darstellungen zur systematischen Aufhebung individueller Attribute (Weiblicher Kopf in Grau, 1912). In dieser Phase gelangen seine Arbeiten zu höheren Stufen der Objektivierung und Entpersönlichung. Figurale Abstraktionen weisen bereits den Weg auf allgemeingültige Typengestaltung, der mit dem Werk Geteilte Figur (1915) in die vollständige Abstraktion führt. Ein Achsenkreuz aus horizontalen und Vertikalen Linien bildet hierbei das Bezugssystem für die Umrissfigur.

Nach Ausführungen von Wandbildern gemeinsam mit Hermann Stenner und Willi Baumeister für die Haupthalle der Deutschen Werkbundausstellung in Köln im Jahre 1914, in denen der Stuttgarter sich in architekturbezogener Ausmalung üben kann, resultiert seine formelle Vereinfachung 1916 in das Bild Homo, das eine Grundfigur im Seitenprofil zeigt, die in modifizierter Form immer wieder erscheinen wird.

Schlemmers Bemühungen um überindividuelle, typenhafte Figurisation werden in der vielfigurigen Komposition Plan mit Figuren (1919) gebündelt. Schematische Umrissfiguren sind hier in eine Fläche eingepasst und ins Modulare verstärkt. Anthropomorphe Gestalten werden auf Kunstfiguren reduziert. Schlemmer versucht sich nun auch an verschiedenen Reliefplastiken, die seine Formensprache in die Raumperspektive ausdehnen (Ornamentale Plastik auf geteiltem Rahmen, 1919/23).

 

1920–1932[Bearbeiten]
Oskar Schlemmers Kunstschaffen lässt sich keiner der damals vorherrschenden Stilbezeichnungen zuordnen. Zwar ist seine Malerei mit den konstruktivistischen Prinzipien von Linie, Tektonik und ökonomie verbunden, aufgrund seines durchdringenden Leitbildes vom „Mensch als Maß und Mitte“ von diesen jedoch getrennt. Schlemmers „Mitte-Begriff“ zielt auf ein Ringen um Ausgleich und Vereinigung. Als deutscher Künstler, also aus dem „Land der Mitte“ kommend, glaubt er sich einer Vermittlung gegensätzlicher Kräfte besonders verpflichtet. Daraus erklärt sich sein lebenslanges Streben nach Synthese, Harmonie und Universalität, das in der mittleren Phase seines Kunstlebens besonderen Ausdruck erfährt.

Ab 1923 entstehen jene Bilder, die Schlemmers Ruhm begründen. Die Bauhausidee, die alles Gestaltbare funktional ästhetischer Prägung unterziehen soll, will Architektur, Malerei und Plastik miteinander verschmelzen und gleichzeitig zur Versöhnung zwischen Technik und Kunst sowie Mensch und Zivilisation beitragen. Der Kern dieser Idee findet nun Eingang in Schlemmers Werk. Er befreit seine Bilder von störendem Beiwerk und aller Zufälligkeit. Mit Tischgesellschaft (1923) behandelt er nicht nur eines seiner Lieblingsthemen, er fährt auch die figürliche Rückenansicht ein, ein Motiv, das nun immer häufiger bildbestimmend sein wird. So bei Vorübergehender (1924/25).

Mit dem Bild Römisches (1925), das Klassizistische Anleihen birgt, wird die zuvor strenge Planimetrie in perspektivische Raumtiefe überfährt. Sich üüberschneidende Figuren gehen vielseitige Beziehungen zur Raumumgebung ein. Die Anatomie der menschlichen Gestalt tritt in spannungsreiche Wechselwirkung mit dem Raum. Auch die Palette ändert sich, wird farbiger und kontrastreicher.

Schlemmer findet nun zu seinem Sinnbild des modernen Menschen, ein überindividueller, sachlicher und überzeitlicher Typus, den er mit der Idee des modernen Baus verknüpft. Mensch und Raum werden verzahnt, Schlemmers Bildwelten überwinden die strikte Trennung von figürlich-organischer Lebendigkeit und räumlich-technischer Konstruktion.

Schlemmer verzichtet bei seinen Figuren auf physiognomische oder physische Besonderheiten, die dem Einzelnen Gepräge, Identitäät verleihen. Seine Geschöpfe sind stereometrische Gliederpuppen, homogen und austauschbar. Jedoch sind sie nicht Ausdruck großstädtischer oder zivilisatorischer Anonymität, wie noch bei George Grosz oder Giorgio de Chirico. Vielmehr beschreibt der Maler sein Menschenbild als technisch funktional. Zugleich spiegelt er den Körperkult der zwanziger Jahre wider, der sich durch Rückbesinnung auf die natürliche Schönheit des Menschen äußert. Nicht nur ein neues Körperbewusstsein, sondern die Hinwendung zu einem neuen Lebensgefühl, in dem Organismus und Geist einheitlich zusammenwirken, ist das Begehren, welches Erziehungsreformer dieser Zeit anstreben und von dem auch Schlemmer nicht unberührt bleibt. Damit werden Schlemmers Figuren zu Gegenthesen reiner Kreatürlichkeit.

Er entdeckt die menschliche Gestalt, die weder Individuum noch Ausdrucksträger sein soll, als Ideal des Absoluten, eingespannt in den tektonisch gegliederten Raum. „Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und keine Interieurs.“ Planimetrische und stereometrische Bezüge verbinden sich auch in Vierzehnergruppe in imaginärer Architektur (1930) zu einer bildtragenden figuralen Reihung. Menschenkörper bilden eine gymnastische Formation aus, die die Architektur des Raumes überlagert.

Zwischen 1928 und 1930 gestaltet Schlemmer Wandbilder für den Brunnenraum des Museums Folkwang in Essen. Sein Thema ist auch hier das Gesamtkunstwerk, in dem sich die Gesetze des Raumes und das Maßdes Menschen begegnen.

Ab 1931 entsteht eine Gruppe von Bildern, die Treppen und Geländermotive zum Gegenstand haben (Gruppe am Geländer, 1931). Figuren sind nun hinter- und übereinander gestaffelt und in einer rasterhaften Flächigkeit koordiniert. Axiale oder diagonale Geländerverstrebungen steuern Rhythmus und Struktur der Bilder. Die strenge Flächentektonik rückt ihn in die Nähe Piet Mondrian, von dem Schlemmer behaupten soll, er sei ja „eigentlich der Gott des Bauhauses“.

Schlemmers Vorliebe für Geländermotive hat neben einem künstlerischen Aspekt auch einen psychologischen Hintergrund. In einem tieferen Sinne symbolisiert das Geländer eine Art Stütze, einen festen Halt vor den unkontrollierbaren Möchten des Irrationalen. Maß und Einheit dient hier dem Zwecke der Disziplinierung. Das Geländermotiv bürgt für feste Ordnung und ist dem Gefühl von Chaos und Zerfall entgegengesetzt, das angesichts der politischen Krisensituation zu Beginn der dreißiger Jahre das vorherrschende Zeitgefühl ist. „Wir brauchen Zahl, Maß und Gesetz als Wappnung und Rüstzeug, um nicht vom Chaos verschlungen zu werden“, fordert Schlemmer selbst.

Anders akzentuiert transportiert Schlemmer das Geländermotiv auch in Bauhaustreppe (1932). Drei turmartig gestaffelte, aufwärts strebende Rückenfiguren in einer lichten Architektur werden zum Wahrzeichen der Jugendkult-Bewegung des 20. Jahrhunderts, zum Symbol aufstrebender Jugendlichkeit in eine leuchtende Zukunft. Bauhaustreppe formuliert die Befreiung des Menschen selbst, ist Leitbild und Ausdruck ungebrochener Moderne. Es beschreibt die Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum, zwischen Menschheit und Zivilisation und äußert die Vision einer künftigen Kultur.

 

1933–1943[Bearbeiten]
Schlemmers Figurendarstellungen erfahren eine Wandlung. In einer Reihe vonübermalungen wird seine Palette tieftonig-düster (Dunkle Gruppe, 1936). Die bedrohlich wirkende Atmosphäre, die von seinen Bildern nun ausgeht, reflektiert seinen seelischen Zustand. Schlemmers Malerei zeugt jetzt von Abkehr und Introspektion. Sein künstlerischer Zenit ist überschritten. Es entstehen noch verschiedene Aquarelle und ab 1940 eine Reihe Wuppertaler Stadtansichten sowie Versuchstafeln für das Projekt Modulation und Patina.

Im Sommer 1942 beginnt Schlemmer seine letzte Werksgruppe: Die Wuppertaler Fensterbilder, variierende Fensteransichten auf Karton oder ölpapier. Die reduzierte Farbigkeit, die verschiedentlich mit Pinsel, Farbstift oder öl aufgetragen ist, zeigt diverse Wohn- und Innenraumszenen, meist von rechtwinkligen Fensterrahmen umgrenzt. Die Bilder, in denen Gefühle der Sehnsucht und Melancholie mitschwingen, können nicht mehr an die ausdrucksstarken Darstellungen der 20er und 30er Jahre anschließen und bleiben letzte Zeugnisse einer vielschichtigen Künstlerbiographie.

 

Nachbetrachtung[Bearbeiten]
Seine Werke wurden auf der documenta 1 (1955), der documenta II (1959) und der documenta III (1964) in Kassel gezeigt.

 

Nachlassstreit[Bearbeiten]
Seit dem Tod der Schlemmer-Witwe im Jahr 1987 gibt es Streit um das Erbe Oskar Schlemmers. Das Erbe erhielt die Tochter Ute Jaina Schlemmer und die Enkelin Janine Schlemmer zu gleichen Teilen. Da Janine zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung war,übernahm ihre Tante Jaina die Verwaltung des gemeinsamen Erbes. Seitdem wurden viele Leihgaben an deutsche Museen zurückgezogen. Der genaue Verbleib der etwa 2000 bis 3000 Kunstwerke wird geheim gehalten. Mit Urheberrechtsklagen wird versucht die Ausstellung und der Druck von Schlemmers Werken zu verhindern. So sind im Katalog des Stuttgarter Kunstmuseums weiße Seiten statt Schlemmers Werke enthalten. Auch die Ausstellung der Wandmalerei Familie war von einer Klage bedroht, da der Ausbau der Wand angeblich das Copyright verletzten würden.[1] Es gab seit 1977 keine Retrospektive mehr und es sind auch schon länger keine bedeutenden Bücher über Schlemmer erschienen.

In der Zwischenzeit ist Schlemmers Enkelin Janine nicht mehr mit der Art, wie das Erbe verwaltet wird einverstanden. Bereits hat sie zwei Verfahren gegen ihre Tante gewonnen, nach denen diese ihrer Nichte mehr Mitsprache und Zugriff auf die Werke einräumen muss. Allerdings entzieht sich die Schlemmer-Tochter der Justiz, da sie in Italien und der Schweiz lebt. Die Bilder befinden sich vermutlich ebenfalls dort.

Erst am 1. Januar 2014, also 70 Jahre nach Schlemmers Tod, läuft das Urheberrecht des Künstlers und dessen Erben aus. Deshalb plant die Staatsgalerie Stuttgart, welche das Oskar Schlemmer-Archiv verwaltet, eine große Retrospektive für das Jahr 2014. [2]

 

Museen und Sammlungen[Bearbeiten]
Bauhaus-Archiv
Bauhaus Dessau
Kunstmuseum Basel
Museum of Modern Art, New York City
Fine Arts Museums of San Francisco
Staatsgalerie Stuttgart
 

Literatur[Bearbeiten]
Kermer, Wolfgang (Hrsg.) (1996): Aus Willi Baumeisters Tagebüchern: Erinnerungen an Otto Meyer-Amden, Adolf Hälzel, Paul Klee, Karl Konrad Dässel und Oskar Schlemmer. Mit ergänzenden Schriften und Briefen von Willi Baumeister. - Ostfildern-Ruit: Edition Cantz, 1996 (Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart / hrsg. von Wolfgang Kermer; 8) ISBN 3-89322-421-1
Kirchmann, K. (1999): Oskar Schlemmer. In: Fiedler, J./Feierabend, P. (Hrsg.), Bauhaus, Köln, S. 280–287
Maur, K. v. (1975): Oskar Schlemmer und die Stuttgarter Avantgarde 1919. Mit einem Vowort von Wolfgang Kermer. - Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1975 (Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart / hrsg. von Wolfgang Kermer; 1)
Maur, K. v. (1979): Oskar Schlemmer. Monographie und Å’uvrekatalog der Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Plastiken, 2 Bde., Müänchen
Maur, K. v. (1993): Oskar Schlemmer. Der Folkwang-Zyklus. Malerei um 1930. Stuttgart
Ruhrberg, K. (2000): Kunst als sozialer Auftrag. Die Maler am „Bauhaus“ unter Walter Gropius. In: Walter, I. F. (Hrsg.), Kunst des 20. Jahrhunderts, Köln, S. 176–183
Schmitz, N. M. (1999): Oskar Schlemmers anthropologisches Design. In: Fiedler, J./Feierabend, P. (Hrsg.), Bauhaus, Köln, S. 288–291
Wesemann, A (1999): Die Bauhausbühne. In: Fiedler, J./Feierabend, P. (Hrsg.), Bauhaus, Köln, S. 532–547
 

Einzelnachweise[Bearbeiten]
↑ Das Schicksal sieht uns an, Der Spiegel 42/1995 vom 16.10.1995, Seite 240-242
↑ Der Finger ist gestreckt, Stuttgarter Nachrichten vom 04.07.2008
 

Weblinks[Bearbeiten]
Literatur von und über Oskar Schlemmer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (Datensatz zu Oskar Schlemmer • PICA-Datensatz • Einträge im Musikarchiv)
Tabellarischer Lebenslauf von Oskar Schlemmer im LeMO (DHM und HdG)
Oskar Schlemmer bei artfacts.net
Oskar Schlemmer-Archiv der Staatsgalerie Stuttgart
Walter Hagena: Mandanteninformation (zum Fall Nachlass Oskar Schlemmer). Erklärung zur Rechtslage und zum Status quo vom 2. 4. 2008
Personendaten
 
NAME
 Schlemmer, Oskar
 
KURZBESCHREIBUNG
 deutscher Maler, Bildhauer und Bühnenbildner
 
GEBURTSDATUM
 4. September 1888
 
GEBURTSORT
 Stuttgart
 
STERBEDATUM
 13. April 1943
 
STERBEORT
 Baden-Baden
 


 Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Schlemmer“

Kategorien: Mann | Deutscher Bildhauer | Deutscher Maler | Künstler (documenta) | Geboren 1888 | Gestorben 1943 | Person (Weimar) | Bauhaus

 

 

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 Diese Seite wurde zuletzt am 5. März 2009 um 10:31 Uhr geändert.
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